DJON ÁFRICA

Regie: Filipa Reis und João Miller Guerra • Miguel Moreira, Isabel Cardoso • Portugal / Brasilien / Kap Verde 2018 • 90 Min. • Portugiesisch mit deutschen und englischen Untertiteln • ab 31. Oktober 2019

Der 25-jährige Miguel Moreira, auch bekannt unter dem Spitznamen Djon África lebt in der grauen Vorstadt Lissabons ein ruhiges, wenn auch etwas monotones, Leben und ist eigentlich mit sich ganz gut im Reinen, bis ihn eines Tages auf der Straße eine fremde Frau anspricht und ihm erzählt, er erinnere sie an jemanden, den sie einmal kannte. Dieser Mann habe eine solche Ähnlichkeit mit ihm, er müsse sein Vater sein - der Vater, den Miguel nie kennengelernt hat. Alles was er über ihn weiß, hat er von seiner Großmutter: dieser sei ein Herumtreiber gewesen, ein charmanter Gauner, der während einer kleinen Gefängniststrafe nach Kap Verde abgeschoben wurde. Seitdem ist der Kontakt abgebrochen. Angesteckt von dieser Geschichte und neugierig, reist Miguel nach Kap Verde und begibt sich auf die Suche. Auf dieser Reise begegnen wir dem Land aus seinen wiederkehrenden Träumen, die von den Wünschen und Mythologien der Europäer*innen mit kapverdischen Wurzeln geprägt sind. In Kap Verde nennen sie ihn Tourist und in Lissabon Afrikaner. Seine Reise ist auch eine Verhandlung dieser Ambivalenz. Dennoch lebt Miguel mit seinen zwei Identitäten in Harmonie. Seinen Vater findet er auf seine ganz eigene Weise.

Die folgende Filmkritik von unserer Wolf Mitarbeiterin ist eine schöne Ergänzung für alle, die sich noch mehr für den Film interessieren:

"This liminal position, so common in today’s migrant world, has rarely been conveyed so effectively on screen, with such subtlety and gentle understanding." – Jay Weissberg, Variety

Das portugiesische Regie-Duo bestehend aus den Dokumentarfilmemachern Filipa Reis und João Miller Guerra erzählt mit ihrem Spielfilmdebüt DJON AFRICA die Suche des 25-jährigen Miguel Moreira nach seinem Vater in Kap Verde als humorvolles Roadmovie ins innerste Selbst eines (post-)modernen Europäers. Miguel ist ein guter Freund des Regie-Duos und hat frühere Dokumentarfilme mit ihnen realisiert, in DJON AFRICA spielt er neben überwiegend Laiendarstellern sein Alter Ego, einen Afro-Portugiesen mit vielen Spitznamen. Er ist in Portugal geboren, in den Banlieus von Lissabon bei seiner Großmutter aufgewachsen und arbeitet auf dem Bau. Er weiß genau, wie er sich die rassistischen Vorurteile seiner Umwelt zum Vorteil machen kann, indem er beispielsweise die Kaufhausdetektive ablenkt, damit eine Freundin unbekümmert klauen kann. Dumm nur, wenn sie keine Sachen auswählt, die ihm auch gefallen. Mit diesem positiven Humor begegnet der Film allen tiefgreifenden gesellschaftlichen Konflikten, die sich in der postkolonialen Identität eines Menschen wie Miguel austragen. Mit der sanften Stimme seiner Großmutter, die ihm alles über seine Mutter und den unbekannten Vater erzählt, beginnt seine Reise. Die Großmutter, die ihm genauso Vorwürfe macht jetzt zu gehen, wo er endlich auch mal für sie sorgen kann. Aber Miguel beschließt trotzdem seinen Vater zu suchen, der irgendwo nach Kap Verde abgeschoben wurde. Schon bei einer Tanzeinlage im Flieger ahnen wir, dass die verlorene Heimat eine Phantasie war. Sie ist überhöht, beschönigt und wie ein Rausch. Schon im Flieger muss Miguel seine Sitznachbarin überzeugen, dass er ein echter Kapverdianer ist. Wie viele Portugiesen mit kapverdianischen Wurzeln hat er nicht mal einen portugiesischen Pass. Doch sie zweifelt noch immer seine Identität an. Anstatt daraufhin auf seine Hautfarbe aufmerksam zu machen, lässt er sie augenzwinkernd seine Haut fühlen, die offenbar so weich ist, wie nur die eines echten Kapverdianers. Mit lebensfrohen Farben zeichnet DJON AFRICA das Porträt einer Suche nach der eigenen Identität. Die Sprache des Films gleicht einer Erzählung unter Freunden und lässt die Grenze zwischen Fiktion und Dokumentation kunstvoll verschwimmen. Eine Methode, der sich das Regie-Duo langsam angenähert hat. In Anekdoten erzählt der Film dramatische Szenen, die Miguels Suche erschweren. Jedoch mit einer schelmischen Leichtigkeit, die zu sagen scheint: die Dinge sind nie so, wie sie scheinen. Die Dialoge wirken dokumentarisch und bestechen durch den lebendigen Charme aus portugiesischen Elementen und der lokalen Kreolsprache. Die vielen Konzerte, in die Miguel während seiner Reise gerät, laden uns gemeinsam mit Miguel in freie Emotionsräume ein. Seine Suche führt ihn durch ein Land, in dem er als Tourist bezeichnet, von hübschen Frauen ausgeraubt und von einer alten Bäuerin, die behauptet seinen Vater mal gesehen zu haben, als Enkel behandelt wird. Bis Miguel erkennt, dass er entwurzelt ist. Doch dies geschieht ohne Bitterkeit. „Ich bin mein eigener Vater“, sagt er und nutzt seinen Humor als selbstermächtigenden Transformationsprozess aus einem Vakuum und einer Sehnsucht heraus, die entsteht, wenn jeder sagt: hier gehörst du nicht hin. Miguel erkennt, er ist in sich selbst zuhause. Damit schenkt der Film dem Thema der Zugehörigkeit und Heimat, das sich aktueller denn je durch unsere Welt zieht, Hoffnung und Stärke, die auch nach dem Abspann bleibt. DJON AFRICA wurde mit zahlreichen Filmpreisen gekrönt und auf vielen internationalen Festivals gezeigt. Das Drehbuch von Pedro Pinto (THE NOTHING FACTORY), das er gemeinsam mit João Miller Guerra entwickelte, erhielt den Cineuphoria Drehbuchpreis. Produziert wurde DJON AFRICA von der jungen, portugiesischen Arthouse Produktionsfirma Terratreme, die zur Zeit mit dem Wolf Kino Verleih Steppenwolf eine Kooperation eingeht, um ganze fünf Filme ihres aufregenden Potpourris zu vertreiben. Terratreme beruft sich auf Viscontis gleichnamigen Film, der die Selbstermächtigung einiger Fischer erzählt, die sich gemeinsam ein eigenes Boot kaufen, um sich aus der Abhängigkeit eines Bootsverleihers zu emanzipieren. Ihre auf unzähligen Festivals wie u.a. Cannes, Locarno, Berlin und Rotterdam gekrönten Filme sind ungewöhnliche Schätze, die wir euch in den nächsten Monaten im Wolf präsentieren werden.

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