GUTE MANIEREN (AS BOAS MANEIRAS)

Regie: Juliana Rojas & Marco Dutra, mit Isabél Zuaa, Marjorie Estiano, Miguel Lobo, Brasilien/Frankreich 2017, 135 min, portugiesische mit deutschen Untertiteln, FSK 12.

“Ein echter Werwolf-Film, in dem man sieht wie ein Werwolfbaby geboren wird?!” Als wir das hörten, hatten wir natürlich große Hoffnung, dass uns der Film auch gefallen würde. Umso größer die Freude nach der Sichtung. Gute Manieren ist ein unglaublich aussergewöhnlicher Film, der sich mit Humor und geschickter Hand fürs Genre erlaubt, gleich eine ganze Gesellschaft zu kritisieren und eine Bestandsaufnahme von Rasse, Genderpolitiks und Korruption in Brasilien zu machen.

Die mysteriöse und bildhübsche Ana engagiert die alleinstehende Krankenschwester Clara, die sich um Anas schickes Apartment in São Paulo und später als Kindermädchen um deren ungeborenes Baby kümmern soll. Rasch entwickelt sich zwischen den beiden Frauen eine innige Beziehung. Doch mit dem Voranschreiten der Schwangerschaft verhält sich Ana immer merkwürdiger: Sie hat ständig Lust auf Fleisch und schlafwandelt bei Vollmond blutdurstig durch die Stadt. Nach der schaurig-überstürzten Geburt ist Clara alleine mit Anas Kind. Sie zieht es voller Liebe und Fürsorge auf. Doch je älter es wird, desto stärker wird der verheerende Ruf des Mondes …

Mit fantastisch stilisierten Sets, einem traumhaften Lichtkonzept und einem magisch schwirrenden Musikscore entwickelt das Regie-Duo Juliana Rojas und Marco Dutra aus der romantischen Mütter-Kind-Geschichte ein gruseliges Großstadt-Märchen, das sich raffiniert auf folkloristische Traditionen Brasiliens und auf Genre-Klassiker wie »Rosemaries Baby« (1968) und »American Werewolf« (1981) bezieht. Der herzzerreißende Horrorfilm wurde vergangenes Jahr bei den Filmfestspielen in Locarno als Meisterwerk gefeiert und mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet.

Am 28. Juli nach der 19 Uhr Vorführung machen wir ein Skype Q&A mit Co-Regisseur Marco Dutra.

  Source: IMDB

FRIDAS SOMMER (ESTIU 1993)

Regie: Carla Simón, mit Bruna Cusí, David Verdaguer, Laia Artigas, Paula Robles, Spanien 2016, 96 min, katalanisch mit deutschen Untertiteln oder Deutschefassung, FSK o.A.

Im Sommer 1993 angesiedelt, ist Carla Simóns Debüt-Langfilm ein sensibles und intelligentes semi-autobiographisches Portrait, das von Kindheit und Trauer handelt. Frida, sechs Jahre als, verlässt Barcelona nachdem sie durch den Tod ihrer Mutter zum Waisenkind wurde. Sie zieht raus aufs katalonische Land, um bei ihrem Onkel, dessen Frau und deren jungen Tochter zu leben. Dort manifestiert sich ihre Trauer in kleinen, oft übersehenen, doch zunehmend ernsten Formen von Widerstand und Protest. Fridas Sommer ist das Portrait eines Kindes, das mit Emotionen und Prozessen zu tun hat, die für Menschen jeden Alters oft unverständlich bleiben und lebensverändernd sind. Der Tod eines Elternteils und der Verlust stabiler Strukturen sind komplexe Erfahrungen, Themen, die den Film sowohl für Kinder als auch für Erwachsene ansprechend und wichtig machen. Simón hat mit ihrem Film etwas Erstaunliches geschaffen: Ein Portrait, das die Perspektive und Emotionen eines Kindes respektiert, während es gleichzeitig die Komplexität von Erfahrungen und Gefühlen zeigt, die Kindern oft nicht zugestanden wird. Die Performances sind mit die stärksten, die ich bisher von Kinderschauspieler*innen gesehen habe, einer der vielen Faktoren, weswegen man Fridas Sommer auf keinen Fall verpassen sollte.

- Kristofer Woods

  Source: IMDB

ENDLESS POETRY (POESÍA SIN FIN)

Regie: Alejandro Jodorowsky, mit Brontis Jodorowsky, Adan Jodorowsky, Pamela Flores, Leoandro Taub, Frankreich/Chile 2016, 128 min, spanisch mit deutschen Untertiteln, FSK o.A.

Der Meister der Mitternachtsfilme Alejandro Jodorowsky (Der Heilige Berg, El Topo) ist mit fast neunzig Jahren zurück im Kino. Diesmal mit einer Autobiographie, die nicht nur die künstlerischen Wurzeln des Chilenen erkundet, sondern auch eine Art Heilungsprozess ist.

Der junge Alejandro entdeckt durch einen Diebstahl die Poesie. Es ist eine Sprache, die sich der Welt mit Offenheit und Neugier nähert, statt mit den engstirnigen Kategorien, in denen seine Familie ihre Wahrnehmung strukturiert. Der Vater ist autoritär und begegnet jeder Form von Zärtlichkeit mit Härte, die sich unter anderem in problematischen Männlichkeitsbildern und Dominanz ausdrückt. Die Mutter, eine Frau, die mehr singt als spricht, wird ihrerseits von dem bildlichen Korsett der eigenen Familie eingeengt. Keine guten Voraussetzungen also, um sich frei zu entfalten. Als sein Cousin Ricardo ihn schließlich in die Künstlerszene Santiago de Chiles einführt und ihm die Angst vor seiner Empfindsamkeit nimmt, blüht der junge Alejandro auf. ENDLESS POETRY wird getragen von einer Lust am Leben und an der Freiheit. Die Figuren sind überzeichnet, die Wortwahl und die Dialoge extrem. Provokativ und theatralisch ist der Film nicht nur Künstlerbiographie, sondern fragt nach den Formen der Erzählung, mit denen man einem Leben begegnet. In der künstlerischen Bearbeitung alter Konflikte findet Jodorowsky einen Erzählmodus, der weniger realistisch als therapeutisch ist.

- Franziska Merlo

  Source: IMDB

  Offizielles Plakat von Miro Denck

PÜNKTCHEN UND ANTON

Regie: Thomas Engel, mit Sabine Eggerth, Peter Feldt, Hertha Feiler, Deutschland 1953, 91 min, FSK 6, ab 5.7.

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Der Film Pünktchen und Anton ist die 1953 entstandene Literaturverfilmung des gleichnamigen Jugendbuchklassikers von Erich Kästner.

Pünktchen liebt Anton und Anton liebt Pünktchen. Das ist nun einmal so, da dürfen andere Kinder ruhig spotten. Und da macht es auch gar nichts, dass Pünktchens Vater ein reicher Strumpffabrikant ist und Anton sehr arm. Die beiden halten zusammen. In Not besonders, und Anton ist in Not. Einen Vater hat er nicht mehr, und seine Mutter ist krank geworden. Nun muss er das Geld verdienen, nachmittags und abends, in dem Wirtshaus, in dem seine Mutter sonst kellnert. Nur damit sie den Job nicht verliert. Da kann er Pünktchens Hilfe schon gebrauchen. Irgend jemand muss dem Lehrer ja schließlich erklären, warum Anton im Geschichtsunterricht immer einschläft. Wenn Pünktchen es allerdings nicht übertriebe mit der guten Absicht! Abends nämlich, wenn ihre Erzieherin Fräulein Andacht sich vom Ganoven Robert schöne Augen machen lässt, stiehlt sie sich aus dem Haus und verkauft Streichhölzer. Damit Antons Mutter zur Erholung in die Berge fahren kann. Klar, dass das nicht unbemerkt bleibt. Und gut, dass Anton aufpasst, als Robert dem Fräulein Andacht die Schlüssel zur Strumpffabrikantenvilla stibizt. So kann er den Einbruch verhindern, und bei der Gelegenheit gleich Pünktchens Eltern kennenlernen…

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ZAMA

Regie: Lucrecia Martel, mit Daniel Giménez Cacho, Lola Dueñas, Matheus Nachtergaele, Argentinien 2017, 115 min, Spanisch mit deutschen Untertiteln, FSK 12

ab 12. Juli

Diego don Zama steckt fest. Eine Stufe auf der Karriereleiter sollte dieser Posten in der südamerikanischen Provinz sein – nur ein kurzer Aufenthalt, nur ein Moment in der großen Geschichte Spaniens. Seit Jahren wartet der juristische Beamte aber schon auf seine Versetzung nach Buenos Aires, starrt den Schiffen entgegen, die den ersehnten Brief des Königs doch nie mitbringen. Stattdessen gehorcht er in der Hoffnung auf ihr Wohlwollen blind seinen ständig wechselnden Vorgesetzten und tut gemeinsam mit ihnen so, als strahle der Glanz der Spanischen Krone bis hierher. Langeweile, Sehnsucht und unerfüllte Begierde beherrschen seine Tage, in denen er alles für ein bisschen Nähe tun würde. Bis zu dem Tag, an dem sich eine Gruppe aufmacht, um einen gefürchteten Banditen zu fangen...

Lucrecia Martel (Die Frau ohne Kopf, La Niña Santa) inszeniert den gleichnamigen Roman von Antonio di Benedetto in gemäldeartiger Ästhetik: Der Film gleitet von Stileben zu Stileben, verharrt in jedem einzelnen kurz, um dann das nächste sorgfältig vorzubereiten. Entstanden ist eine Collage des Deliriums zur Kolonialzeit in Argentinien.

- Lea Fraider

  Source: IMDB

ZENTRALFLUGHAFEN THF

Regie: Karim Aïnouz, Deutschland, Frankreich, Brasilien 2018, Arabisch, Englisch, Deutsch, Russisch mit deutschen und englischen Untertiteln. FSK o.A.,

Einer der größten und schönsten der Welt sollte der Tempelhofer Flughafen einst werden: eine imposante Empfangshalle, Reihen von Säulen, bogenförmig geschwungene Wände, spiegel glatte Steinböden. Beinahe wie ästhetische Architekturfotos lässt die Zentralperspektive der Aufnahmen das Gebäude erscheinen. In diese bedachte Symmetrie reihen sich jetzt stimmig weiße Kabinen und Bettenreihen ein, als vervollständigten sie erst das Bild: der Flughafen nicht mehr als Ort kurzzeitigen Ankommens und Abreisens, sondern als einer dauerhaften Verweilens.

Über ein Jahr begleitet der Film den achtzehnjährigen Ibrahim, der sich als einer von vielen Flüchtlingen hier im Wartezustand befindet. Während Bürokratie, Arztbesuche und Friseurtermine dem Alltag einen eigenen Rhythmus ohne Außenwelt zu geben scheinen, erzählt Ibrahim von ruhigen Sommern unter Obstbäumen auf dem syrischen Land und dem schlimmsten Tag seines Lebens. Auf dem Tempelhofer Feld wehen die Drachen im Wind, junge Menschen sitzen bei leiser Technomusik zusammen. In Syrien die Hitze, hier das kühle Blassgrün der Außenfassade. Sehr durchdacht und eindrucksvoll werden die Erinnerungen mit Bildern des Flughafengeländes in Verbindung gebracht und fügen sich vor dem inneren Auge zusammen, begleitet von aussagekräftigen Dialogen, die die Lebensumstände spiegeln. Die Kritik an ihnen bleibt unterschwellig – und lässt viel Raum für die eigene Reflexion.

- Lara Ladik

  Source: IMDB
   One of a kind interpretation by Wolf  Miro Denck   Instagram

One of a kind interpretation by Wolf Miro Denck Instagram

THE RIDER

Regie: Chloé Zhao, mit Brady Jandreau, Lane Scott, Lilly Jandreau USA 2017, 104 min, Englisch mit deutschen Untertiteln, FSK 12, ab 5.7.

Nach einem beinahe tödlichen Rodeo-Unfall muss sich der junge Cowboy Brady Blackburn mit der Tatsache abfinden, dass er nie wieder reiten kann, und stürzt in eine existentielle Identitätskrise: Immerhin definiert ihn nicht nur seine Umwelt, sondern vor allem auch er selbst als Sioux-Nachkomme sich vornehmlich über seine Arbeit mit Pferden. Schwer wiegen der abschätzige Blick seines Vaters, der Abschied von seinen enttäuschten Fans und das Fehlen des einzigartigen Gefühls der Freiheit, das ihn auf dem Rücken eines Pferdes durchströmt.

In atemberaubenden Bildern der Wildnis South Dakotas erzählt The Rider von zerbrochenen Träumen und verlorenen Identitäten. Authentisch und einfühlsam hält der Film die Balance zwischen zärtlicher Poesie, archaischen Mythen und der rauen Lebenswirklichkeit im amerikanischen Heartland. Der tief berührende Film basiert auf den wahren Leben seiner Darsteller. The Rider wurde in Cannes mit dem Art Cinema Award sowie mit dem Werner Herzog Filmpreis ausgezeichnet, der Mut, Entschlossenheit und Visionen honoriert.

  Source: IMDB