Mehr Zeit mit dem Gegenüber – Ein Interview mit Ann Carolin und René

Ann Carolin Renningers und René Frölkes Aus einem Jahr der Nichtereignisse läuft ab 14. Juni bei uns. Wir bringen den Film unter dem Verleihlabel Steppenwolf in die Kinos und haben mit den beiden über ihren Arbeitsprozess gesprochen.

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Ihr habt mit einer alten 16mm-Bolex und diversen Super8-Kameras gearbeitet, warum habt ihr euch dafür entschieden? 

RF: Der Gedanke, mit jedem Film Stunden von Material zu erzeugen, das dann in der Welt ist, ob es nun im Film landet oder nicht, erzeugt manchmal Unbehagen – man archiviert, kopiert, backuped, überlegt, ob man nicht noch einen weiteren Film aus diesem tollen Restmaterialien machen soll etc. – mit anderen Worten: dieses Material hängt an einem wie ein Klotz, man wird es nicht mehr los. Deswegen: je weniger Material produziert wird, umso besser! Wenn du auf Film arbeitest, ist deine Arbeitsweise viel effektiver. Bei unserem letzten Projekt Le beau danger kamen sowohl Video als auch 16mm zum Einsatz, am Ende kamen auf 25 Stunden Video zwei Stunden Filmmaterial, die im fertigen Film aber einen wesentlich stärkeren Anteil hatten. Ein anderer Grund, auf alte Filmkameras zu setzen, war schlicht und einfach: es fühlte sich entschieden natürlicher an, mit dieser sechzig Jahre alten Bolex dort auf dem Hof zu stehen und diesem Menschen, dort in seiner Welt zu begegnen.

CR: Durch diese Arbeitsweise mussten viele szenische Entscheidungen schon während des Drehs gefällt werden, was uns entsprechend auch unter Druck setzte. Es zwang uns dazu, in jeder Szene, im Moment, eine Haltung zu finden, Entscheidungen zu treffen. Abwarten und Beobachten spielen eine große Rolle, denn ähnliche Szenen wiederholt zu drehen, wird teuer. Daher verbringt man ganz automatisch mehr Zeit mit dem Gegenüber, hört zu, registriert Kleinigkeiten und sammelt Eindrücke im Kopf, bevor man filmt. Die Technik der Aufnahme, die Apparatur, stand dadurch viel weniger trennend zwischen uns und dem Protagonisten, die Begegnung rückte in den Vordergrund.

Wie habt ihr den Sound aufgenommen?

RF: Der Ton wurde digital mit einem Handyrekorder aufgezeichnet. Von uns allerdings sehr stiefmütterlich behandelt, das Gerät lag meistens einfach irgendwo im Raum oder tatsächlich auf Willis Rolator. Die Idee mit Funkstrecken zu arbeiten oder angelnd über den Hof zu laufen, erschien uns irgendwie abwegig.

Woher kennt ihr Willi und warum wolltet ihr einen Film über ein Jahr in seinem Leben machen? 

CR: Ich kannte Willi schon als Kind. Er war eine Figur am Rande des Ortes und hat immer gleichzeitig furchteinflößend und faszinierend auf mich gewirkt – das tierische Universum, das ihn umgab, hat ihn zu einer Art Fabelwesen für mich gemacht. Es war nie klar, zu welcher Welt er gehört – zu uns Menschen oder den Tieren. 

Es blieb die Erinnerung an dieses Gefühl und der Wunsch, dieses Gefühl in der Gegenwart, in der Willi sich jetzt befand, wiederzufinden und festzuhalten – vielleicht nur ein paar Rollen, so eine Art Miniaturportrait ohne fixe Idee, was daraus werden sollte. Aus diesem anfänglichen Impuls sind dann fast monatliche Besuche geworden, manchmal nur ein paar Tage, ein anderes Mal drei Wochen.

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Ihr beiden habt ja bereits bei anderen Filmen zusammengearbeitet. Ann Carolin, meistens hast du als Produzentin gearbeitet. Ist es anders bei einem Film, bei dem du selbst Regie führst, auch zu produzieren? Wie bist du da herangegangen? 

CR: Kein Film ist wie der andere und auch das Produzieren ist immer anders, die Konstellationen sind halt jedes Mal neu. Bei Aus einem Jahr der Nichtereignisse würde ich auch fast nicht von produzieren sprechen, sondern eher von ‘machen’. Der Film hat sich von Besuch zu Besuch entwickelt. Das Produzieren im Sinne der Finanzierung hat sich auf ein absolutes Minimum beschränkt, da wir nur einen (sehr kleinen) Förderantrag bei der Filmwerkstatt Kiel gestellt hatten und ich das Künstlerinnenstipendium des Berliner Senats für die Entwicklung des Projekts zur Verfügung hatte. Andere Förderungen wären bei einem derart offenen Sujet gar nicht in Frage gekommen. Letztendlich würde ich sagen, dass das, was wir hier gemacht haben, nur funktionieren kann, wenn man selbst produziert, weil man ins Offene geht mit einem großen Raum zum Scheitern und das ist unter ‘klassischen’ Produktionsbedingungen heutzutage kaum mehr möglich. 

 René du arbeitest als Editor, Kameramann, Regisseur. Wie ist es, so viele Rollen bei einem Projekt zu übernehmen?

Im Grunde interessiert mich diese Rollenaufteilung nicht. Von innen betrachtet, also aus der Perspektive des Filmemachens, geht es darum, Eindrücke zu sammeln, diese zu ordnen und dafür eine Form des Ausdrucks zu finden. Wer braucht dafür diese Rollen? Am Ende kommt es darauf an, das zu tun, was einem als konsequent erscheint. Ich könnte auch ganz einfach neue Rollen hinzu erfinden, z.B. die des Besuchers oder die des Zuhörers. Tätigkeiten, die für den Film vielleicht viel wichtiger waren. 

Vielen Dank!