ETWAS URALTES, DUNKLES – EIN INTERVIEW MIT LUKAS FEIGELFELD

Lukas Feigelfelds Hagazussa startet am 17. Mai im Wolf. Wir haben ihm ein paar Fragen zu seinem faszinierenden Debütfilm gestellt.

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Lukas, kannst du uns ein bisschen davon erzählen, wie es war, solch einen Debüt- und Abschlussfilm zu drehen? Wie groß war das Team und habt ihr alle zum ersten Mal einen Langfilm gedreht?

Es ist nicht unbedingt üblich, solch ein Projekt als Abschlussfilm an der Filmakademie zu produzieren. Ich hatte ein Drehbuch entwickelt, das im Mittelalter spielt, im Winter, im Sommer, am Berg, im Studio, mit Baby, mit Tieren (Ziegen, Schlange, Pferd, Katze) und dazu fantastische Elemente enthält. Davon haben mir alle abgeraten. Irgendwie fühlte es sich jedoch trotzdem stimmig an, diesen Stoff als meinen ersten Langspielfilm zu verwirklichen. Wir waren ein relativ kleines Team, so gut wie alle haben ehrenamtlich gearbeitet, waren aber mit Herzblut bei der Sache.  Schlussendlich war die Finanzierung das größte Problem. Wir hatten kein Glück bei Förderanstalten und für Fernsehsender war es zu aufwändig oder zu obskur in der Thematik. Mithilfe der Filmakademie, Crowdfunding, Sponsoring und viel Geduld haben wir es jedoch schlussendlich gestemmt und einen Film auf die Beine gestellt, der sich mittlerweile international auf großen Festivals mit anderen tollen Filmen misst. Darüber bin ich sehr froh und dankbar. Ohne die Mithilfe des Teams sowie Freunde und Familie hätte ich es nicht geschafft.

Was interessiert dich an dieser geschichtlichen Periode und am Hexentum im Allgemeinen? Was ich an dem Film mag ist, dass er sich auf der Grenze zwischen übernatürlichen und soziologischen bzw. politischen Erklärungen bewegt, wie man Frauen als Hexen definiert. Ich finde, dass du das auf sehr intelligente Weise behandelst, ohne reduzierend auf eine Seite zu fallen.

Es freut mich sehr, dass du das so genau heraus gelesen hast! Zu Beginn war es die Idee, einen Film zu machen, der inspiriert ist von Folklore und Aberglaube der Alpen, speziell einer Region, aus der meine Mutter stammt. In großen Teilen Österreichs sind alte Mythen um Hexen und Heidentum immer noch stark verankert in Traditionen und Brauchtümern. Manche kennen vielleicht die alljährlichen Krampusläufe und dergleichen. Ich hatte schon als Kind immer das Gefühl, dass dort in den Wäldern etwas Uraltes, Dunkles herrscht; etwas weitab der modernen Zivilisation. 

Als ich mich mehr mit dem Thema Hexen, Heidentum und Hexenverfolgung beschäftigt hatte, kam ich zu dem Schluss, dass der Film nicht unbedingt fantastisch erzählt werden sollte, sondern erforschen soll, wie das reale Leben und Leiden einer sogenannten Hexe ausgesehen haben muss. Zum einen die äußeren Umstände, wie die Abgeschiedenheit, die Dorfgemeinde und die dominante Kirche; zum anderen aber auch ein sehr genauer und empathischer Blick in die Psyche einer kranken Frau, die mit Trauma und Verachtung zu kämpfen hat. Schlussendlich ging es darum, die Linie zwischen Magie und psychotischem Wahn zu zerbrechen, da die Halluzinationen der Hauptfigur für sie genauso real sind wie ihr restliches Umfeld. 

Ob es dann Magie, Geister oder Unholde sind, oder die Auswüchse einer leidenden Psyche, muss sich der Zuschauer selbst zurecht legen. 

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Wo hast du gedreht und wie lang hat es gedauert? Kannst du mir etwas mehr darüber erzählen, wie du diese Kapelle voller Schädel gefunden hast?

Der Hauptteil des Films wurde in den österreichischen Alpen gedreht, genauer im Salzkammergut und Pinzgau. Einige der Schauplätze waren mir schon vorher bekannt, daher konnte ich Szenen spezifisch auf die Landschaft hin schreiben. In Berlin haben wir das Innere der Berghütte komplett im Studio aufgebaut und dort gedreht, um mehr Freiheit zu haben. 

Auf den Bergen zu drehen hat sich nicht als einfach herausgestellt. Für den Sommerteil war das gesamte Team zusammen am Berg in einem Bauernhaus untergebracht und hat den Berg kaum verlassen. Es war eine schöne Erfahrung, die sicherlich dazu beigetragen hat, ein gewisses Gefühl für den Berg und die Abgeschiedenheit der Geschichte zu bekommen. 

Die Schädelkapelle, bzw. das Beinhaus wurde in Polen gedreht. Es gibt zwar ähnliche Beinhäuser in Österreich, auch in dieser Region, jedoch haben wir es nicht geschafft, von der Kirchengemeinde eine Drehgenehmigung zu bekommen. Demnach sind wir nach Czermna an der polnisch-tschechischen Grenze gefahren. Es war unser letzter Drehtag und eine starke Erfahrung, stundenlang von mehr als 3000 Schädeln umringt zu sein und beobachtet zu werden. 

Kannst du mir etwas mehr über deine Zusammenarbeit erzählen? Wie lief das z.B. mit deiner Kamerafrau Mariel Baqueiro? Der Film hat eine so starke visuelle Selbstsicherheit. Und auch die Musik ist zwar sehr ungewöhnlich, aber sehr passend.

Mariel Baqueiro und ich haben eine sehr enge Zusammenarbeit entwickelt. Wir hatten bereits all meine Kurzfilme zusammen gedreht. Ich denke, ich bin sehr genau mit meinen visuellen Vorstellungen, die teilweise bereits im Drehbuch vorgegeben sind. Mariel hat ein sehr gutes Verständnis für meinen Stil und wir haben über eine lange Zeit ein sehr genaues Storyboard entwickelt. Ihre Lichtsetzung und Verwendung von natürlichem Licht haben auch maßgeblich zu dem Look von Hagazussa beigetragen. Wir wollten die Dunkelheit des Mittelalters und die visuelle Dominanz der Natur genau porträtieren. 

Für die visuellen Effekte der Pilz-Halluzinationen, sowie der abstrakten Unterwasserszene, habe ich mit dem Licht- und Videokünstler Marcel Weber (MFO) zusammengearbeitet. Wir hatten lange Sessions im Studio, wo wir mit Wasser, Pflanzen, Farben und Silikon experimentiert haben, um den inneren Höhepunkt des Pilz-Trips zu visualisieren. Es war uns ein Anliegen, eine Form zu finden, die zeigt, wie Albruns gesamte Welt in Fleisch und Blut zerfällt, und daraus wiedergeboren wird.  

Der Soundtrack wurde komponiert von der griechischen Gruppe MMMD (früher Mohammad), die ihren Musikstil Chamberdoom nennen und mit Cellos und Synthesizern arbeiten. Ich hatte ihre Musik schon beim Schreiben des Drehbuchs viel gehört und war sehr froh, als sie sich bereit erklärt hatten, den Soundtrack zu machen. Ich denke, er passt genau in das Setting und unterstreicht das schleppende Leid und die hypnotisierende Wirkung des Films. Sofort fühlt man sich in das dunkle Universum von Albrun und dem Berg hineinversetzt. Der tiefe Bass umschlingt einen und begleitet einen an der Hand durch Albruns Wahn. 

Danke Lukas! Wir freuen uns auf deinen Besuch am 23. Mai!