Augenblicke: Gesichter einer Reise (Visages, Villages)

Regie: Agnès Varda, JR, Frankreich 2017, 89 min, Französisch mit deutschen Untertiteln, FSK 0, ab 31.5.

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Gerüchteweise ist Visages, Villages der letzte Film in Agnès Vardas langem und stetig herausragenden Werdegang. Seit ihrem Debüt La Pointe Courte 1955 hat sie ein unverwechselbares Werk produziert, das spielerisch, persönlich und sich gesellschaftlichen Problemen bewusst ist. 

In ihrem neuen Film arbeitet Varda zusammen mit dem berühmten Fotografen und Street Artist JR, dessen riesige Fotografien weltweit Gebäude und Wände schmücken. Mit JRs Foto-Wohnwagen reisen die beiden durch Frankreich und besuchen abgelegene Dörfer und ihre Gemeinden. 

Den Film hindurch zeigt sich sowohl Vardas als auch JRs Leidenschaft für das Schaffen und Teilen von Bildern: ihr Glaube daran, dass Bilder Gemeinschaften zusammenbringen und feiern können und sollten und das Nachdenken darüber, wer repräsentiert wird und wie.

Beide stellen Fragen nach den Orten, an denen Bilder ausgestellt und gezeigt werden, Varda durch ihr Interesse an Fotografie und dem Kino und JR durch seine öffentlichen Open Air Galerien. Visages, Villages feiert eine Einstellung dem Leben gegenüber, in der man offen und neugierig anderen Existenzen gegenübertritt und in der man trotz Alter und Zerbrechlichkeit an seinem Umfeld beteiligen kann.

– Kris Woods

Ein Leben (Une vie)

Regie: Stéphane Brizé, mit Judith Chelma, Jean-Pierre Darroussin, Yolande Moreau, Swann Arlaud, Frankreich/Belgien 2017, 119 min, Französisch mit deutschen Untertiteln, FSK 12, ab 24.5.

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Stéphane Brizé hat zuletzt in Der Wert des Menschen (La loi du marché) sein meisterhaftes Talent zum filmischen Realismus unter Beweis gestellt und auch sein gerade in Cannes gezeigter En guerre verspricht Einiges. Sein aktueller Film nun, Une vie, bringt seine sehr ausgefeilte Ästhetik in eine Zeit, in der man einen solchen Stil sonst nicht sieht: ins 19. Jahrhundert. Weit, weit entfernt von einem Kostümschinken, der die Verfilmung eines Guy de Maupassant Romans hätte werden können, kommt Une vie so zeitgenössisch, so modern daher, dass er eine enorme Wucht entwickelt. 

Brizé erzählt die Geschichte einer Frau, die den falschen heiratet und fortan die Konsequenzen zu tragen hat mit viel Sinn für Stimmungen zwischen Menschen, ihre Beziehungen, für Kränkungen und persönliche Tragödien, feinfühlig, melancholisch, präzise und liebevoll seinen Charakteren gegenüber. Ein Film, in dem Antoine Héberlés Kamera nah an seinen Subjekten bleibt, dabei Leichtigkeit und Natürlichkeit verströmt und es den Darsteller/innen, allen voran Judith Chelma, ermöglicht, all ihr Können unter Beweis zu stellen.

– Marie Kloos

Taste of Cement

Regie: Ziad Kalthoum, Libanon/Deutschland/Syrien/Qatar 2017, 85 min, Arabisch mit deutschen Untertiteln, FSK 12, ab 24.5.

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Schreiendes Kreischen von Sägen, Knirschen von Zementmahlern, Klopfen von Hammern und dann auch immer wieder Stille: die syrischen Bauarbeiter, die in Beirut den Bauboom vorantreiben, leben inmitten des Lärms der Maschinen, aber gleichzeitig isoliert vom Lärm der Stadt. Abends verschlingt sie der Rohbau des Hochhauses, auf dem sie arbeiten: durch ein kleines Loch verschwinden sie im dunklen Inneren, in dem sie während der Bauphase wohnen. Ohne Tageslicht, ohne die Baustelle nach 19 Uhr verlassen zu dürfen – denn für Syrer herrscht eine Ausgangssperre. Dort verfolgen sie dann Nachrichten aus der Heimat, Nachrichten von der Zerstörung. Am Morgen geht es zur Konstruktion wieder hoch in die 10. Etage. 

Im einen Land wird schon wieder aufgebaut, im anderen vernichtet. Der Geschmack von Zement bestimmt in beiden Fällen das Leben, zwischen den Trümmern zuhause und auf der Baustelle im Nachbarland.

Ziad Kalthoums mächtiger und vielprämierter Essayfilm verbindet eine Erzählung von zwei Generationen von syrischen Arbeitern im Libanon, von Träumen und Albträumen im Exil, mit Bildern vom Bau- und Zerstörungswahn des Menschen, von Maschinen und gesichtslosen Arbeitern eines Systems, dessen sich stetig wiederholende Abläufe den Rhythmus des Lebens vorgeben.

– Marie Kloos

A BEAUTIFUL DAY (YOU WERE NEVER REALLY HERE)

Regie: Lynne Ramsay, mit Joaquin Phoenix, Judith Roberts, Ekaterina Samsonov, USA / GB / Frankreich 2017, 89 min, Englisch mit deutschen Untertiteln, FSK 16, ab 17.5.

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Ein junges Mädchen wird vermisst. Joe, ein brutaler und vom eigenen Leben sowohl gequälter als auch gezeichneter Auftragskiller, startet eine Rettungsmission. Im Sumpf aus Korruption, Macht und Vergeltung entfesselt er einen Sturm der Gewalt. Vielleicht gibt es nach all dem Blutvergießen am Ende auch für Joe ein Erwachen aus seinem gelebten Albtraum.

Das Drehbuch des düsteren Thrillers basiert auf der Novelle „You were never really here“ des amerikanischen Autors Jonathan Ames. Zurecht als „Taxi Driver des 21. Jahrhunderts“ beschrieben, ist die Verfilmung der schottischen Regisseurin Lynne Ramsays (We Need to Talk About Kevin) eine atmosphärisch dichte, fragmentarische Darstellung eines Einzelgängers auf einem Rachefeldzug.