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DOK LEIPZIG GOES WOLF


  • Wolf Kino 59 Weserstraße Berlin, Berlin, 12045 Germany (map)

DOK LEIPZIG goes WOLF

DOK LEIPZIG ist international eines der führenden Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm, einzigartig in der Verbindung dieser beiden Sparten, und baut auf einer mehr als 60-jährigen Geschichte auf. Das Programm von DOK Leipzig bilden Filme mit einer starken künstlerischen und persönlichen Handschrift. Zusammen mit dem Programmer Ralph Eue haben wir eine kleine Auswahl besonderer Filme aus diesem Jahrgang gemacht.

Freitag 30.11. 19h
Les Coursiers de la République
Regie: Badredine Haouari • Land: Frankreich 2018 • 33 Min • Sprache: OmeU französisch mit englischen Untertiteln. •

Die Place de la République in Paris ist provisorische Homebase und Knotenpunkt für die Fahrradkuriere Ibrahim, Bathily und Martin. Sie wohnen zwar weit draußen in den Vororten, aber die Straßen um den Platz sind ihr Revier. Mit diesem Job machen sie schnelle, wenn auch nur sehr kleine Kohle. Kunstvoll kunstlose Beobachtungen des Filmemachers – als würde sich diese Geschichte einfach so und wie nebenbei ereignen. Aber mit welcher Sensibilität und Virtuosität dieses Nebenbei hergestellt ist!

Ralph Eue

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<3 (Heart)
Regie: María Antón Cabot • Land: Spanien 2018 • 65 Min • Sprache: OmeU spanisch mit englischen Untertiteln.•

Menschen am Sonntag? Jedenfalls ein Nachmittag im Park, an welchem Wochentag auch immer. Sommerlich flirrendes Licht. Viel zu sehen, noch mehr zu hören. Ein angenehmer Erfahrungsrausch. Chillen mit Youngstern. Liebe in Zeiten der sogenannten sozialen Netzwerke. Alles total erregt und zugleich absolut ermattet. Jeder Moment hochgradig aufgeladen: das Reden mit dem analogen Gegenüber wie das Kommunizieren mit dem digitalen Chatpartner via Tinder. Ebenso aufgeladen die Pfaue, die durch den Park stolzieren, das rhythmische Zischen des Rasensprengers oder die Tauben, die sich über einen liegen gelassenen Hamburger hermachen. Und last, not least der lange Zungenkuss eines schwulen Paars.

Alltäglichkeit vom Feinsten und in intensivster Oberflächlichkeit. Lauter Widersprüche? Absolut richtig! Aber genau im Vermögen, diese Widersprüche in ihrer Flüchtigkeit einzufangen, ohne sie logisch festzunageln, liegt die kinematografische Kraft dieses Films. Die bezeichnende Lust, der bezeichnete Schmerz. Auch die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Und die gnadenlose Latenz des Begehrens. Wie die Menschen hier als authentische Darsteller ihrer Geheimnisse des Herzens und des Geschlechts Kontur gewinnen, das ist schon sehr berückend.

Ralph Eue

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Samstag 1.12. 19h
Lord of the Toys plus Q&A
Regie: Pablo Ben Yakov • Land: Deutschland 2018 • 95 Min • Sprache: OmeU deutsch mit englischen Untertiteln. •

Die Flasche mit Schaumwein in die Melonenhälfte geschüttet und ab damit – in den Kopf und Videoblog. Der Herr der Fliegen zieht 2017 seine Jünger mit Entgrenzung, Gadgets, Smartphone an. Selbstbewusst, narzisstisch, 24/7 via Youtube. Er lässt an Goldkrone-Exen und Zocken teilhaben, an Dingen, die smart oder einfach nur zum Lachen blöde sind: in Atem halten, krass sein wollen. Das Fäustchen des Ostens riskiert dafür auch mal die Nazilippe und Cybermobbing, das im Realen eskaliert. „Es schmeckt dem Publikum jedenfalls. Und das wird auch nachgeahmt und das ist das Ziel.“ Wenn alle nach Hause gegangen sind, sirren Textmessages durch den rötlichen Morgenhimmel – wie ein Schutzschild, der die Stadt vor einer Kommunikationspause schützen will.

Ben Yakov und sein Team begleiten eine Clique von Dresdner Youtubern – zu alt für Pubertät, ohne Lust auf Erwachsensein. Unglaublich nah fangen sie den Rausch der Dauerparty um Adlersson, Inkognito Spastiko und Hector Panzer samt Hangover ein und scheuen sich nicht, den Jungs zuweilen die Bühne zu überlassen – schließlich geht es hier um deren ureigenes Metier. Doch die gekonnte Erzählung ritzt Löcher in die Tapete der ambivalenten Egoshows. Glücklicherweise greift sie nach jedem dramaturgischen Kniff, um mit Pop-Appeal ein Lebensgefühl zu vermitteln und alles zu einem grandiosen Partyfinale zu führen, wo Klischees kippen … neu inszeniert werden.

Ralph Eue

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Samstag 1.12. 21:15h
Der zweite Anschlag plus Q&A
Regie: Mala Reinhardt • Land: Deutschland 2018 • 62 Min • Sprache: OmeU deutsch und türkisch mit englischen Untertiteln. •

Ibrahim Arslan überlebte als Kind den Brandanschlag auf sein Elternhaus in Mölln, bei dem drei Mitglieder seiner Familie starben. Heute sagt er, seine Familie habe nicht nur einen, sondern zwei Anschläge erlitten. Nachdem die Molotowcocktails erloschen waren, wurden die Arslans ein weiteres Mal zum Ziel von Attacken: aus Medien, Politik und Gesellschaft. Diese Attacken waren schlimmer als die Brandsätze, denn sie wären vermeidbar gewesen, sagt Arslan.

Mala Reinhardt fragt in ihrem Film, warum viele Opfer rechtsradikaler Gewalt bis heute die gleichen Erfahrungen machen müssen, angefeindet und kriminalisiert werden. Mit beeindruckender Klarheit analysieren die Betroffenen, die sich inzwischen untereinander vernetzt haben, welche Rahmenbedingungen dafür sorgen, dass Rassismus hierzulande noch immer gesellschaftsfähig ist. Nun gilt es, zuzuhören.

Luc-Carolin Ziemann


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Sorge 87
Regie: Thanh Nguyen Phuong • Land: Deutsch 2018 • 10 Min • Sprache: OmU deutsch und vietnamesisch mit deutschen Untertiteln. •

Es rattert die Nähmaschine, es rattern die Erinnerungen. 1987 benötigt das sächsische Werdau Arbeitskräfte für die Textilindustrie. Wegen Vollbeschäftigung geht die Ausschreibung, wie damals in der DDR üblich, nach Vietnam. Es kommen viele – einige bleiben. In zarten Stoffdruckbildern wird hier von dieser wirtschaftlich gerade noch prosperierenden Zeit kurz vor der Wende erzählt. Ein vietnamesisches und ein deutsches Paar blicken heiter auf Anfangsschwierigkeiten und kulturelle Missverständnisse zurück.

Annina Wettstein

Die Sinfonie der Ungewissheit_2.jpg

Sonntag 2.12. 19 Uhr
Sinfonie der Ungewissheit plus Q&A
Regie: Claudia Lehmann • Land: Deutschland 2018 • 95 Min • Sprache: OmeU deutsch mit englischen Untertiteln. •

Weit ausgreifend wird hier befragt, wovon im Normalfall als unzweifelhafte Voraussetzung des Lebens (im Allgemeinen) und des Filmemachens (im Besonderen) ausgegangen wird: eine objektive, im besten Fall noch interpretierbare Realität.

Ausgehend von Gerhard Mack, emeritierter Professor für theoretische Elementarteilchenphysik am Deutschen Elektronen-Synchrotron (DESY) in Hamburg, unternehmen Claudia Lehmann und Konrad Hempel eine ebenso aufs Universale zielende wie in den molekularen (und noch kleineren) Bereich abtauchende filmische Expedition und fragen nach dem Sinn jeglichen Lebens in unserer komplexen Welt. Mack ist anerkannter Großmeister seiner Disziplin, als solcher aber alles andere als ein Fachidiot. In unfassbar persönlichen Gesprächen mit seiner Lebensgefährtin, der Hypnosetherapeutin Rosemarie Dypka und dem Filmemacher Hark Bohm, die in der zweigeteilten Rolle des gesunden Menschenverstands auftreten, agiert der Physiker als begnadeter Übersetzer seiner Theorien. Und dann natürlich noch, last but not least, der von Konrad Hempel komponierte Score, den man hier nur verkürzt als Industrial Music bezeichnen kann. Er ist die zweite, lebhaft pulsierende Herzkammer dieses dokumentarischen Essays. Aus den Soundscapes des DESY, also aus auditiver Feldforschung entwickelt, betritt die Musik zunehmend als gleichwertiger Mitspieler die Bühne und strukturiert den Film als sinfonisches Werk.

Ralph Eue