Ab 4.5. ist filmPOLSKA bei uns zu Besuch

All these Sleepless Nights 

All these Sleepless Nights 

Kino – Ort der Freiheit, Vorwort vom Festivalteam

filmPOLSKA wartet 2017 erneut in Berlin, Potsdam und Frankfurt (Oder) mit spannenden Reihen und neuen Filmen auf. filmPOLSKA präsentiert sowohl großes Kino als auch kleine Film-Perlen, Kassenschlager wie Independent-Produktionen, Animationsfilme, Avantgarde und Video-Art. Sieben Tage im Mai gehören dem polnischen Kino in seiner ganzen Vielfalt.

Für unsere Edition 2017 haben wir zum ersten Mal einen Wettbewerb ins Leben gerufen. Eingeladen wurden Filme junger Regisseure und Regisseurinnen, die neue Wege beschreiten, indem sie sich gängigen Konventionen widersetzen und sich von Zwängen befreien. Eine dreiköpfige Jury wird aus sieben nominierten Filmen den Gewinner ermitteln und am letzten Festivaltag verkünden.

Freiheit ist seit jeher ein zentrales Leitmotiv der polnischen Filmkunst. Es reicht ein Blick in die Vergangenheit: Das Œuvre Andrzej Wajdas, des kürzlich verstorbenen Altmeisters, steht wie kein anderes für Unabhängigkeit und freiheitliches Denken. Andrzej Wajda bzw. pan Andrzej (Herr Andrzej), wie der Regisseur genannt wurde, war als großer Barde der Unabhängigkeit und Freiheit ein Vorbild für mehrere Generationen. Ihm widmet filmPOLSKA in diesem Jahr eine Hommage mit selten gezeigten Werken aus den Sechzigerjahren.

Die wahre Lebendigkeit einer Gesellschaft zeigt der direkte, oft schonungslose Blick in ihren Alltag. Aus diesem Grund richtet filmPOLSKA seit seiner ersten Ausgabe den Blick auf den manchmal kritischen, manchmal nachdenklichen Dokumentarfilm. Denn gerade das unverblümt Dokumentarische verfügt über die besondere Qualität, Gesellschaftliches wie Individuelles gleichermaßen zu ergründen. Klassiker wie Marek Piwowski, Krzysztof Kieślowski oder Marcel Łoziński haben nicht nur die Entwicklung Polens filmisch verewigt, sondern auch filmästhetisch Maßstäbe gesetzt.

Der Begriff der Freiheit ist auch in der radikalen Kunst stark verwurzelt, er ist ihre innere Triebfeder. Deshalb freut es uns ganz besonders, dem Publikum in diesem Jahr ein Panorama der polnischen Avantgarde präsentieren zu können.

Darüber hinaus bietet eine wunderbare Retrospektive mit Literaturverfilmungen nach Joseph Conrad, dem englischsprachigen Sohn der polnischen Kultur und der Weltliteratur, zu dessen 160. Geburtstag allerlei cineastische Überraschungen – mit Werken von Francis Ford Coppola, Ridley Scott, Andrzej Wajda oder Alfred Hitchcock. Sie zeigt, dass Sprache und Kultur einen grenzübergreifenden Charakter haben und speziell die polnische Kultur ein unverzichtbarer Bestandteil des europäischen Erbes ist. Wir wünschen unseren Gästen, dass sie gemeinsam mit uns im begrenzten Raum der Kinosäle das Gefühl unbegrenzter Freiheit erleben werden.

Das Programm im Wolf :

4.5. 20:00H All these Sleepless Nights (Wszystkie nieprzespane noce)

Regie Michał Marczak. Darsteller Krzysztof Bagiński Michał Huszcza Ewa Lebeuf Adam Repucha u.a.

Michał Marczaks Spielfilmdebüt ist ein semi-dokumentarisches, artifizielles Werk. Wir folgen mit nervöser Handkamera zwei Kunststudenten durch diverse Underground-Clubs, Open-Air-Raves und Chill-Out-Areas in und um Warschau. In den bei realen Events gedrehten Szenen wechseln sich Tag und Nacht ab, Bassdrum und Soundscapes, Rausch und Ernüchterung, Stroboskop und warmes Sonnenlicht. Es wird getanzt, gekifft, geküsst, gechillt, gesoffen, getaumelt und geredet – alles ist vorübergehend, im Moment verhaftet und kurz darauf gleich wieder vorbei. Es gibt kein Woher und Wohin, das Leben ist ein ununterbrochener Tanz – entscheidend ist der Flow, nicht das Ziel. Was ist das? Ein Spielfilm? Ein überlanger Techno-Videoclip? Ein Generationenporträt? Die Geburt einer neuen Filmästhetik? Vermutlich alles gleichzeitig. Manche raunen sogar: die glaubwürdigste Darstellung einer jungen Generation seit Wajdas „Unschuldigen Zauberern“.

5.5. 20:00H Kommunion (Komunia)

Regie Anna Zamecka

Ola ist 14 Jahre alt, ihr Bruder Nikodem ein Jahr jünger. Die Vorbereitungen für seine Erstkommunion in der masowischen Provinz laufen auf Hochtouren, sind jedoch nicht ganz unkompliziert – denn Nikodem ist Autist und denkt nicht daran, das zu tun, was alle von ihm erwarten. Er ist überzeugt, dass er in Wirklichkeit ein Schimpanse ist und ihm irgendwann Haare und Krallen wachsen. Hinzu kommt, dass die Mutter mit einem anderen Mann zusammen gezogen ist und der Vater sich ebenfalls herzlich wenig um seine Kinder kümmert, die in der Enge ihrer in die Jahre gekommenen Wohnung zu ersticken drohen. Also muss Ola im Expresstempo erwachsen werden und selbst die Zügel in die Hand nehmen. Mit allen Kräften versucht sie, die zerbröselnde Familie wieder zusammenzuführen. Die junge Regisseurin Anna Zamecka hatte ursprünglich einen Kurzspielfilm drehen wollen, empfand dann aber die wahre Geschichte von Ola und ihrer Familie als spannender. Mit empathischer, dezenter Kamera und großer Nähe folgt sie ihren tragischen Helden und erzählt damit eine Geschichte, die mehr als nur den Umgang einer Gesellschaft mit Behinderten schildert.

6.5. 18:30H Einfache Tätigkeiten - Film und die Avantgarden

Die Veranstaltungsreihe widmet sich filmischen Experimenten der polnischen Neo-/Avantgardekunst und präsentiert eine Auswahl zeitgenössischer künstlerischer Positionen. Im Fokus stehen Motive und Konzepte, welche die Kunst der Zwanziger- und Dreißigerjahre prägten – wie Bewegung, Raum, Experimente im Hinblick auf die Rolle des Betrachters und die Ikonografie des Alltags – sowie die komplexen Wechselwirkungen zwischen Film und Kunst. Der Titel des Filmprogramms - die Avantgarden im Plural - soll auf die Vielfalt der künstlerischen Positionen und auf das breite Spektrum der formalen Experimente der polnischen Nachkriegskunst verweisen. Neben gutbekannten Werken solcher Klassiker des experimentellen Films wie Józef Robakowski, Natalia LL oder Paweł Kwiek, werden auch Arbeiten und künstlerische Positionen vorgestellt, die im Diskurs über den Experimentalfilm viel seltener auftauchen, wie z.B. Anna Kutera oder Jolanta Marcolla. Das Programm Einfache Tätigkeiten wird von der Künstlerin Karolina Breguła kommentiert.

6.5. 20:30H Office for Monument Construction (Biuro budowy pomnika) 

Regie Karolina Breguła. Darsteller Liz Kristiansen David A. Allan Duncan Chrisholm Mari Itoh u.a.

Eine verwitternde Stadt irgendwo auf dieser Welt, vermutlich im Norden Großbritanniens. Die Farbe in den verlassenen Gebäuden blättert langsam von den Wänden, alles atmet den Geist des Verfalls. Die wenigen verbliebenen Einwohner fortgeschrittenen Alters taumeln durch die trostlosen Ruinen der Moderne und gehen dabei kryptischen Tätigkeiten nach. Eine Dame verwendet viel Energie auf die Vervollständigung ihrer opulenten Sammlung von Zähnen, die angeblich manipulative Kräfte besitzt. Ein Mann scheitert immer wieder an dem Versuch, eine Busfahrkarte nach Vadiewharf zu kaufen – also muss er weiter bunte Sitzbänke stapeln. Dann kommt die Nachricht: Die ganze Stadt soll abgerissen werden! Was wie ein Experimentalfilm daherkommt, zieht den Zuschauer – auch ohne stringente Handlung und klassischen Spannungsbogen – durch Empathie in seinen Bann. In lakonischen und statischen Bildern, die gleichzeitig Komik und Tragik transportieren, erzählt Breguła eine von zarter Melancholie durchsetzte surreale Geschichte über das langsame Verschwinden von Bekanntem, Orientierungsverlust und der Furcht vor einem Neuanfang.

7.5.  16:00H Experiment/Forum - Film und die Avantgarden

Die Veranstaltungsreihe widmet sich filmischen Experimenten der polnischen Neo-/Avantgardekunst und präsentiert eine Auswahl zeitgenössischer künstlerischer Positionen. Im Fokus stehen Motive und Konzepte, welche die Kunst der Zwanziger- und Dreißigerjahre prägten – wie Bewegung, Raum, Experimente im Hinblick auf die Rolle des Betrachters und die Ikonografie des Alltags – sowie die komplexen Wechselwirkungen zwischen Film und Kunst. Der Titel des Filmprogramms - die Avantgarden im Plural - soll auf die Vielfalt der künstlerischen Positionen und auf das breite Spektrum der formalen Experimente der polnischen Nachkriegskunst verweisen. Neben gutbekannten Werken solcher Klassiker des experimentellen Films wie Józef Robakowski, Natalia LL oder Paweł Kwiek, werden auch Arbeiten und künstlerische Positionen vorgestellt, die im Diskurs über den Experimentalfilm viel seltener auftauchen, wie z.B. Anna Kutera oder Jolanta Marcolla.

Das Programm Experiment/Forum wird von der Kuratorin Marika Kuźmicz kommentiert.

18:00H Geschlecht der Avantgarden - Film und die Avantgarden

Die Veranstaltungsreihe widmet sich filmischen Experimenten der polnischen Neo-/Avantgardekunst und präsentiert eine Auswahl zeitgenössischer künstlerischer Positionen. Im Fokus stehen Motive und Konzepte, welche die Kunst der Zwanziger- und Dreißigerjahre prägten – wie Bewegung, Raum, Experimente im Hinblick auf die Rolle des Betrachters und die Ikonografie des Alltags – sowie die komplexen Wechselwirkungen zwischen Film und Kunst. Der Titel des Filmprogramms - die Avantgarden im Plural - soll auf die Vielfalt der künstlerischen Positionen und auf das breite Spektrum der formalen Experimente der polnischen Nachkriegskunst verweisen. Neben gutbekannten Werken solcher Klassiker des experimentellen Films wie Józef Robakowski, Natalia LL oder Paweł Kwiek, werden auch Arbeiten und künstlerische Positionen vorgestellt, die im Diskurs über den Experimentalfilm viel seltener auftauchen, wie z.B. Anna Kutera oder Jolanta Marcolla.

Das Programm Geschlecht der Avantgarden wird vom Kunstdozenten und Filmemacher Hubert Czerepok kommentiert.

20:00H A Heart of Love – Director’s Cut (Serce miłości – Director’s Cut)

Regie Łukasz Ronduda. Darsteller Jacek Poniedziałek, Magdalena Cielecka

Wojciech ist ein etablierter Soundtüftler, Performance-Künstler und Zeitlupen-Rapper. Zuzanna ist Grafikerin und Autorin am Anfang ihrer Karriere, deren Roman niemand veröffentlichen will. Auf den ersten Blick sind sie schwer auseinanderzuhalten, denn beide haben keine Haare und ähneln sich in Kleidung und Performance. Auch eine klare Trennung zwischen Kunst und Leben scheint es für sie nicht zu geben. In Stil und Auftreten wirken sie hermetisch und künstlich, jede Bewegung ist eine Inszenierung, ihre Pendants in einer Computer-Simulation wirken nicht viel weniger echt. Aber auch Künstler haben einen Alltag, Paare ihre Reibungsflächen, Beziehungen ihre Hochs und Tiefs und der Übergang von Inspiration zu Ideendiebstahl ist fließend.

Keine Angst: So kitschig der Titel klingt, so unkonventionell erzählt der Film eine Geschichte, die eigentlich so alt wie die Menschheit ist und im Kino immer wieder neu interpretiert wird. Diese Variante entwickelt trotz formaler Kühle mit zunehmender Dauer eine Wärme, die trotz aller Sperrigkeit das Prädikat "Liebesfilm" zulässt. Dazu ist er gespickt mit originellen Szenen und einer Soundspur, die kongenial die Bilder ergänzt und ihnen eine weitere Bedeutungsebene verleiht.

8.5. 20:00H Waves (Fale)

Regie Grzegorz Zariczny

Ähnlich sah auch das polnische „Kino der moralischen Unruhe“ aus, bevor es um Filme über die unteren Gesellschaftsschichten lange Zeit sehr ruhig wurde: Schlanke „Dogma“-Optik, keine Musik, Laienschauspieler, ein überschaubarer Drehstab, große Lebensnähe, keine Spezialeffekte und eine unaufgeregte Handlung nahe am Dokumentarischen.

Genau so erzählt „Fale“ die Geschichte von zwei Mädchen aus einfachen Verhältnissen, die in der stalinistischen Modellstadt Nowa Huta nahe Kraków ihren bescheidenen Traum vom eigenen Friseursalon träumen. Ihre Wohngegend ist grau und abweisend – genau das scheint auch die Welt insgesamt für die angehenden Friseurinnen Ania und Kasia zu sein, denn sie wartet nicht auf die beiden. Das Praktikum ist trostlos und richtig viel Talent scheint Ania auch nicht zu haben. Es riecht nicht unbedingt nach der großen Zukunft. Zu allem Überfluss haben sie zu Hause alles andere als intakte Familien, die ihnen den Rücken stärken könnten. Aber sie haben sich – auch wenn ihre tiefe, jugendlich-leidenschaftliche Freundschaft auf eine harte Probe gestellt wird.

Der Film ist lose an das Leben der Hauptdarstellerin Katarzyna Kopeć (Kasia) angelehnt.

9.5. 20:00H The Erlprince (Królewicz Olch)

Regie Jakub Czekaj. Darsteller Stanisław Cywka, Agnieszka Podsiadlik, Sebastian Łach, Bernhard Schütz u.a.

Kuba Czekajs Debüt „Baby Bump” hatte ordentlich Staub aufgewirbelt: So eigenständig und mutig hatte lange keiner mehr eine Pubertät verfilmt. Jetzt legt der Regisseur mit seinem zweiten Langfilm nach, der wie eine Fortsetzung wirkt. Die Hauptfigur ist etwas älter geworden, aber die Mutter immer noch dieselbe und auch der ewige Konflikt zwischen Eltern und Kindern, Altem und Neuem, Konsolidierung und Aufbruch bildet die Achse des Geschehens.

Der im Titel angedeutete Goethe-Klassiker liefert wiederum das Leitmotiv. Allerdings sitzt der Sohn hier nicht in stürmischer Nacht auf einem Pferd, sondern als hochbegabter junger Naturforscher bereits mit 14 Jahren auf einem Laborstuhl an der Universität. Seine Obsession sind Parallelwelten und der Versuch, eine Verbindung zwischen ihnen herzustellen. Die komplizierteste Parallelwelt bleibt jedoch die eigene Familie.

Aber die eigentliche Hauptrolle spielt wieder die Montage. Der Film ist eine Collage aus bunten, überzeichneten, immer wieder ins Phantastisch-Traumhafte abdriftenden Szenen, die ästhetisch so weit wie nur möglich vom Dokumentarfilm entfernt ist, aber dafür möglicherweise den grundsätzlichen Dingen umso näher kommt.

10.5. 20:00H Kamper

Regie Łukasz Grzegorzek. Darsteller Piotr Żurawski, Marta Nieradkiewicz, Sheily Jimenez, Justyna Suwała, Bartłomiej Świderski, Jacek Braciak u.a.

Eigentlich ist bei Mateusz, den alle „Kamper“ nennen, alles im Lot. Seine Wohnung ist hell, groß und aufgeräumt. Seine junge Ehefrau Mania ist schlau, hübsch und kocht wie ein Profi. Die Arbeit in der eigenen Firma, die Videospiele testet, macht Spaß und bringt auch noch Kohle. Aber damit füllt man natürlich keinen Spielfilm, weshalb kommt, was kommen muss – die Idylle bekommt Risse, als Kamper die Ahnung beschleicht, Mania könnte ihn mit einem Starkoch betrogen haben. Der bis jetzt so sorglose Lebenswandel ist plötzlich komplett infrage gestellt. Einfach Augen zu und weitermachen wie bisher? Oder doch lieber Rache üben und den offensiven Avancen der rassigen Spanischlehrerin nachgeben?

Eine im Kino schon oft erzählte Geschichte von Misstrauen, Untreue und Rache wird in diesem Independent-Film noch einmal neu erzählt – mit unverbrauchten Gesichtern, ausgefeilten Dialogen und originellen visuellen Einfällen, die gerne auf die Ästhetik von Videospielen und Chat-Apps zurückgreifen. Die Figuren und ihre Erlebnisse sind nah am Alltag angesiedelt, der Soundtrack dazu ist ebenfalls jung und frisch. Und bei aller Leichtigkeit und Beiläufigkeit schwebt doch über allem die grundsätzliche Frage: Wie lange kann ich ein großes Kind sein und ab wann muss ich Entscheidungen treffen und zu ihnen stehen?

 

 

Maia Santos